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Sport für Alle: Unsere Inklusionsbeauftragte im Interview über Teilhabe im Sport

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Inklusion ist für uns, den Sportkreis Region Kassel, ein wichtiges Thema. Insbesondere, weil Sport sich richtig gut dafür eignet. Mit unserer Inklusionsbeuaftragten Heike Sokoll sind wir nicht nur nah am Thema, sondern stehen in regem Austausch mit unseren Vereinen sowie den Städten und Gemeinden in unserem Verbreitungsgebiet.

Erst in diesem Jahr durften wir zum Beispiel dem TSV Elbenberg 05 e.V. bei ihrem Sport- & Spieltag ohne Grenzen zur Seite stehen. Auf dem Sportplatz des Vereins konnten Besucher und Besucherinnen verschiedene Sportarten austesten. Auch die Stadt Kassel durften wir unterstützen. Denn anlässlich der World Games der Special Olympics 2023 in Berlin empfing Kassel eine Delegation von Athletinnen und Athleten aus Slowenien und veranstaltete im Auestadion ein inklusives Sport- und Spielfest.

Warum Inklusion so wichtig ist, was es braucht, um "Sport für Alle" weiter zu stärken und über vieles mehr, erfahrt ihr in einem Interview mit unserer Inklusionsbeauftragten:

erschienen in der Printausgabe der HNA - Hofgeismar + auf HNA-Online, am 25. September 2023

„Es braucht mehr Zusammenarbeit und neue Ansätze“

Inklusionsbeauftragte des Sportkreis Region Kassel über Teilhabe

Der Begriff „Inklusion“ ist in aller Munde. Barrieren sollen abgebaut und Teilhabe für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung ermöglicht werden. Sport eignet sich besonders gut für die Inklusion. Diese Meinung vertritt Heike Sokoll, Inklusionsbeauftragte beim Sportkreis Region Kassel. Warum und welche Barrieren dort trotzdem noch fallen müssen, darüber sprachen wir mit ihr.

Wie funktioniert Inklusion?

Vielfach funktioniert es über das Engagement der Familien. Gibt es in der Familie jemanden, der eine Behinderung hat, wird versucht, dieses Familienmitglied in den Vereinen zu integrieren. Es gibt also schon immer Vereine mit Inklusionsangeboten. Aber es wurde keine Werbung gemacht. Da schwang Angst mit, dass die Nachfrage zu groß wäre. Aus dem Stegreif kann ein Verein eine zu hohe Anfrage nicht stemmen. Durch die World Games der Special Olympics 2023 in Berlin hat sich aber ein Prozess in Gang gesetzt.

Warum ist Sport ein guter Weg für die Inklusion?

Sport eignet sich sehr gut, weil es niedrigschwellig ist. Durch die Bewegung, durch gemeinsame Ziele werden Barrieren und Ängste abgebaut. Das gilt im Übrigen für eine breite Gruppe von Menschen verschiedenen Alters. Behinderungen oder auch Einschränkung gibt es nämlich in vielen Abstufungen. Das fängt bei einer leichten Hörschwäche an und geht bis zur Gehörlosigkeit. Statt von Inklusion sollten wir deshalb auch lieber vom „Sport für Alle“ sprechen.

Der Begriff Inklusion beinhaltet aber doch „alle“. Oder nicht?

Schon. Aber das Wort Inklusion hat mittlerweile eine negative Konnotation. Viele Leute glauben, dass es sich dabei ausschließlich um Angebote für Menschen mit Behinderung handelt. Wenn es aber heißt „Sport für Alle“, nimmt das Ängste und verringert Isolation. Gerade bei Älteren lässt sich das beobachten.

Was ist notwendig, damit Vereine „Sport für Alle“ anbieten können, ohne die Angst, überrannt zu werden?

Es geht nur über Unterstützung und Kooperationen zwischen den Vereinen und anderen Institutionen. Das können Wirtschaftsunternehmen sein, das können aber auch die Universitäten und Werkstätten für Menschen mit Behinderung übernehmen. Auch Ehrenamtliche, die sich punktuell einsetzen, können dabei helfen. Es ist ein Prozess. Die großen Vereine werden das schneller umsetzen können. Zusätzlich wäre es hilfreich, wenn sich gesellschaftliche Strukturen anpassen.

Was ist verkehrt an den Strukturen?

Sie sind viel zu starr und wirken dadurch isolierend. Menschen mit Beeinträchtigungen sind auf bestimmte Hilfsmaßnahmen angewiesen, die es nur zu bestimmten Zeiten gibt. Das fängt beim Fahrdienst an, geht über die Betreuung und reicht bis zum Termin beim Physiotherapeuten. Alles ist angepasst an das Leben der Menschen mit Beeinträchtigung, doch nicht an das Leben insgesamt. Einerseits brauchen wir natürlich sichere Strukturen für Menschen mit Behinderung, sie dürfen nur nicht isolierend wirken.

Was braucht es, um diese isolierende Wirkung aufzuheben?

Wir brauchen mehr Flexibilität und Durchlässigkeit. Dabei wird es aber nicht reichen, nur die Strukturen zu ändern, wir brauchen neue Konzepte. Darüber, wie wir miteinander arbeiten und leben. Es muss erlaubt sein, dass ein Fahrdienst eine abweichende Route fahren darf. Statt nach Hause geht es dann Beispielsweise zum inklusiven Angebot eines Sportvereins. Aktuell lässt das Regelwerk das nicht zu. Eine Schutzfunktion, die auf der einen Seite richtig ist. Gleichzeitig werden Menschen mit Beeinträchtigung so in „normalen“ Vereinen nicht Fuß fassen können. Zusätzlich können Angebote über den Einsatz von technischen Hilfsmitteln geöffnet werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Bleiben wir beim Beispiel der Hörschwäche: Es gibt die Möglichkeit, Smartphone und Hörgerät miteinander zu verbinden. Übertragen Übungsleiter wiederum ihre Anweisungen während des Trainings nicht oder nicht nur auf die Lautsprecher in der Halle, sondern schaffen per App eine Kompatibilität für Smartphones, haben wir Teilhabe durch Technik. Natürlich müssen Vereine entsprechend ausgestattet sein, was auch eine Frage von entsprechenden Fördermitteln ist.

Kürzlich sagte Innen- und Sportminister Peter Beuth (CDU), dass mehr Inklusion gebraucht werde, egal um welche Behinderung es sich handele. Und vom Land Hessen werden doch auch immer mehr Inklusionsprogramme auf den Weg gebracht.

Das hilft natürlich, denn die Vereine können sich dadurch im Bereich der Inklusion weiterentwickeln. Drei Aspekte spielen dabei eine wesentliche Rolle. Erstens hilft es, wenn Ämter bei Themen wie Inklusion und Teilhabe gut aufgestellt sind, etwa weil sie das Wissen haben, Abläufe kennen und somit einfacher helfen können. Dann kommt die finanzielle Komponente hinzu: Geld hilft Vereinen. Der dritte Punkt ist die mediale Aufmerksamkeit, die durch die Politik erzeugt wird.

Was kann die Politik noch beitragen, welche Rolle würde ihr gut zu Gesicht stehen?

Sie kann für mehr Durchlässigkeit sorgen. Da gehört auch ein Umdenken dazu. Es braucht mehr Zusammenarbeit und neue Ansätze, die sich damit beschäftigen, wie der Schutz von Menschen mit Beeinträchtigung erhalten und gleichzeitig Mauern überwunden werden können. In der Region haben wir zahlreiche Institutionen, die gemeinsam viel erreichen könnten. Angefangen von den Sozialämtern über die Sportvereine und die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung bis hin zur Universität Kassel. Auch wir, der Sportkreis Region Kassel, sind dafür ein geeigneter Partner.

Welche Aufgaben könnte der Sportkreis dabei übernehmen?

Bei den Themen Inklusion und Teilhabe unterstützen wir die Vereine bereits. Wir bieten Aus- und Fortbildungen an, beraten sie mit Blick auf Förderprogramme und helfen ihnen aktiv bei der Durchführung von Sportfesten für Alle. Wir stehen also in engem Austausch mit Vereinen der gesamten Region in und um Kassel. Damit können wir als Bindeglied agieren und sind ein guter Netzwerkpartner.

 

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